Zwei eng beieinandersitzende Frauenfiguren sind vor der St. Joseph’s University in Philadelphia sichtbar. Einander zugewandt wirken sie doch je für sich eigenständig. Ihre Kleidung und Haltung sind fast identisch, so dass sie wie Schwestern erscheinen – und zugleich zwei unterschiedliche Personen verkörpern: „Ecclesia und Synagoga in Our Time“ – so hat der Künstler Joshua Koffmann seine Skulptur betitelt.
Die eine hält eine geöffnete Schriftrolle, Zeichen der Tora und des jüdischen Glaubens, die andere ein Buch mit Kreuz, Sinnbild für das Evangelium und die christliche Tradition. So spiegeln sich im stillen Dialog der beiden die tiefverbundene Beziehung von Judentum und Christentum wider. Beide schauen neugierig in die Schrift und damit die Tradition der anderen. Sie sind verschieden und doch aufeinander bezogen, geprägt von derselben Suche nach Gott und einem Leben aus dem Glauben an ihn.
In dieser geschwisterlichen Darstellung werden Judentum und Christentum als gleichberechtigte Wege zu dem einen Gott sichtbar. Keine der Figuren dominiert, beide ruhen auf demselben Sockel, getragen von demselben Fundament. Die Skulptur nimmt damit die geistliche Neuausrichtung der Kirche gegenüber dem Judentum auf, wie sie in „Nostra aetate 4“ formuliert ist: Aus einem Verhältnis des Misstrauens wird ein Weg der Versöhnung, aus Abstand wird Nähe, aus Konkurrenz Geschwisterlichkeit.
Als Papst Franziskus die Skulptur vor der St. Joseph Universität Philadelphia anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Erklärung ‚Nostra aetate‘ segnete, sagte er, die „Reise der Freundschaft“ gehe weiter. Zwei Jahre nach der Erklärung wurde 1967 das ,Institute for Jewish-Catholic Relations‘ an der Universität ins Leben gerufen und so die Vision davon, dass Juden und Christen gemeinsam vor Gott auf dem Weg sind, ein Stück weit in die Realität umgesetzt. So lädt die Darstellung ein, in den beiden Frauen die geheimnisvolle Verbundenheit der beiden Glaubenstraditionen zu entdecken – als zwei Stimmen, die gemeinsam auf den einen Gott verweisen und uns zu Respekt, zur Bereitschaft zur Veränderung und zu einem verantwortlichen Miteinander im Angesicht Gottes rufen.