Theologisches Update

„Judentum & Christentum heute: Verantwortung aus der Geschichte“

Von Thomas Frings und Benjamin Gerlich, Referenten im Fachbereich Dialog der Konfessionen, Religionen & Weltanschauungen im Erzb. Generalvikariat Köln

Im kirchlichen Kontext des interreligiösen Dialogs wird häufig das Gespräch mit dem Judentum an erster Stelle genannt. Dabei nimmt dieser Dialog im schulischen und gesellschaftlichen Alltag eine untergeordnete Rolle ein. Hier scheint das Verhältnis zum Islam dringlicher, notwendiger und auch relevanter, weil in Deutschland schlicht mehr Menschen mit einer muslimischen als jüdischen Identität leben. Nicht zuletzt hat das Verhältnis zum Judentum durch die Shoa in Deutschland eine besondere Stellung. Dies ist eine nicht wegzudenkende Tatsache und unabdingbarer Teil der Erinnerungskultur der Zivilgesellschaft.

Das Verhältnis und die Wertschätzung zum Judentum haben einen grundlegenden Wandel erlebt. Sie nehmen eine besondere und herausgehobene Rolle im Dialog mit anderen Religionen ein – unabhängig von nationalen oder kulturellen Anliegen. Durch Jesus, der als Jude geboren, gelebt und gestorben ist, sind Christinnen und Christen ideengeschichtlich, historisch und theologisch mit der jüdischen Kultur und Religion unverbrüchlich verbunden. Hieraus erwuchs ein Verhältnis, das erst jüngst zu einer positiven Grundhaltung des Miteinanders führte. In deutlicher Abgrenzung zu vergangenen Positionen und Haltungen spricht sich die Kirche heutzutage ausdrücklich gegen jede Form von Antisemitismus aus und bemüht sich, die antijüdische Vergangenheit aufzuarbeiten. Diese antijüdischen Haltungen fanden und finden auch Niederschlag in der Ausstattung von kirchlichen Räumen.1 Bischöfe und auch die Päpste bekräftigen immer wieder, dass der Antisemitismus keine christliche Haltung sein kann. Papst Franziskus betonte deswegen deutlich: „Leider gibt es auch heute noch antisemitische Einstellungen. Wie ich schon mehrfach gesagt habe, kann ein Christ kein Antisemit sein! Unsere Wurzeln sind dieselben. Es wäre ein Widerspruch des Glaubens und des Lebens. Stattdessen sollten wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass der Antisemitismus aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wird.“ 2

Aus diesem Grundverständnis heraus ordnet die katholische Kirche das jüdisch-christliche Gespräch nicht genuin in den Kontext des interreligiösen Dialogs ein, sondern bezeichnet es mitunter als „große Ökumene“, weil die geistliche und geistige Verwandtschaft zwischen beiden Religionen so eng ist, dass sie – aus christlicher Perspektive – nicht als zwei eigenständige Religionen bezeichnet werden können.3 Selbstverständlich stellen sich viele die Frage, ob dies so korrekt sei, schließlich sind Juden keine Christen und Christen dürfen Juden nicht einmal im klassischen Sinne „missionieren“. Die herausragende Stellung berührt viele theologische Fragestellungen, die schlicht aus dem Interesse und der Pflicht bestehen, sowohl die eigenen christlichen als auch kirchlichen Wurzeln besser zu verstehen: „Erstes Ziel des Dialogs ist die Vertiefung der gegenseitigen Kenntnis zwischen Juden und Christen. Nur was man nach und nach kennen lernt, kann man auch lieben, und nur das, was man liebt, kann man auch richtig und vertieft verstehen.“ 4

Das Herzstück von Nostra Aetate:
Theologische Neuausrichtung auf und durch das Judentum

Nach den schrecklichen Gräueltaten der Shoa sahen Theologinnen und Theologen weltweit, dass das Christentum sich nicht gemein machen darf mit nationalistischen oder anderweitig ideologisch gefährlichen Argumentationen, die im Kern eine menschenverachtende Politik vertreten und die sich durch menschliches – auch kirchliches – Zutun zu einem mörderischen System entwickelten.

So entstand auf Wunsch Papsts Johannes XXIII. zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils ein Dokument, welches jener Einstellung von Hass, Abgrenzung und Vernichtung eine Absage erteilte und sich klar zu interreligiösem Dialog, Toleranz und Mitmenschlichkeit bekannte. Nostra Aetate (1965), dann von Papst Paul VI. und den Konzilsvätern verabschiedet, war, anders als landläufig oft behauptet, kein Dokument, das bei seiner endgültigen Abstimmung umstritten war. Im Gegenteil hat dieses wenige Seiten umfassende Dokument möglicherweise die weitreichendsten Konsequenzen für die Wahrnehmung der katholischen Kirche in der Welt – damals wie heute. Neben dem Islam, den fernöstlichen Religionen und anderen religiösen Weltanschauungen bildet der vierte Artikel gleichsam das Herzstück des Dokuments. Ursprung dieser Überlegungen war das neu zu fassende Verhältnis zum Judentum als der Religion, die nach dem neuausgerichteten Kirchenverständnis (vgl. Lumen Gentium) der katholischen Kirche am nächsten steht.

Karl Rahner, einer der prägenden Gestalten der konziliaren Theologie und noch mehr sein Schüler Johann Baptist Metz, formulierten in zahlreichen Variationen, dass nach Auschwitz die christliche Theologie über das Judentum nicht mehr so sprechen kann wie zuvor – ja die gesamte christliche Theologie auf den Prüfstand gestellt werden müsse. In diesem Bewusstsein sah die katholische Kirche es als Pflicht an, dieses Verhältnis des Christentums zum Judentum zu reformulieren. Denn: Über viele Jahrhunderte war diese Beziehung von Abgrenzung, theologischer Konkurrenz und antijüdischen Deutungen geprägt. Konsequenzen sind auf diesen falschen Annahmen grundgelegte antisemitische und antijüdische Äußerungen und Verbrechen, wovon Jüdinnen und Juden in unserem Land und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft immer noch betroffen sind.

Mit Nostra Aetate begann ein Weg, der die Beziehung der Kirche zum jüdischen Volk tief verändert hat. Die katholische Kirche distanzierte sich ausdrücklich von der Vorstellung einer kollektiven jüdischen Schuld am Tod Jesu und verwarf jede Form von Antisemitismus. Das Judentum ist für das Christentum keine überwundene Vorstufe, sondern eine bleibende geistliche Bezugsgröße. Diese Einsicht markiert das Ende einer jahrhundertelang wirkmächtigen Vorstellung, nach der die Kirche Israel ersetzt habe. Die Theologie spricht hier von Enterbungtheorie oder Substitutionstheologie. 5

Dass sich die Kirche durch einen Konzilsbeschluss davon verabschiedet, ist nicht nur dogmatisch bedeutsam. Es ist ein Beispiel dafür, wie Traditionsgemeinschaften lernfähig bleiben können. Im Bild gesprochen gehen Kirche und Synagoge gleichsam neue Wege und machen in dieser veränderten Perspektive Lernerfahrungen, die noch wenige Jahrzehnte vor dem Konzil undenkbar waren. Hierzu gehören die Begegnungen der Päpste mit jüdischen Gemeinden ebenso wie die historischen Gebete an der Klagemauer in Jerusalem oder im Konzentrationslager Auschwitz. Nicht zuletzt sprechen die vatikanischen Dokumente vom bleibenden Bund Gottes mit Israel und verpflichten sich strukturell zum Dialog mit dem Judentum. Dies geschieht nicht nur, weil es eine andere Religion ist, mit der man ein Miteinander aus gesellschaftlichen Gesichtspunkten gestalten muss, sondern aus einer religiösen Verbundenheit zum gemeinsamen Erbe.

Die katholische Kirche erkannte ausdrücklich die bleibende Verbindung zwischen Kirche und Judentum an: Nostra Aetate Nr. 4 erinnert daran, dass Jesus, seine Mutter Maria, die Apostel und die ersten christlichen Gemeinden aus dem jüdischen Volk hervorgegangen sind. 6 Gott lässt sein auserwähltes Volk nicht allein und verwirft es nicht. Das Konzil betont, dass Gottes Bund mit Israel nicht aufgehoben ist und dass Christen die geistlichen Wurzeln ihres Glaubens im Judentum erkennen und freilegen müssen.

Aus christlicher Perspektive erfolgt nämlich explizit keine Auswechslung und auch kein Ersatz. Das Volk Gottes (nicht mit der Kirche gleichzusetzen) wird in Christus und durch ihn selbst geweitet. Diese Weitung ist jedoch nur aus christlicher Perspektive legitim, dient der Selbstbestimmung und bedarf im jüdisch-christlichen Gespräch einer sensiblen Sprache.

Der Jude Jesus

Laut biblischem Zeugnis geschieht die Zugehörigkeit zum Judentum bzw. dem auserwählten Volk (und nach der Halacha, dem jüdischen Religionsrecht, gilt dies auch heute) durch die Geburt. Nur mit einer jüdischen Mutter wird man selbst zur Jüdin oder zu einem Juden. Konversionen gibt es wenige und diese werden innerjüdisch unterschiedlich bewertet, weil sie für die meisten Jüdinnen und Juden nicht notwendig sind. Dem jüdischen Volk muss man nicht angehören, um Gottes Heil für sich und die Welt zu erlangen. Im Gegenteil kommt dieser Auftrag dem Volk Israel in Stellvertretung für alle Völker zu; so spricht Gott in Gen 12,2-3 an zentraler Stelle bei der Auserwählung des Abram/Abraham: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.“

Aus diesem Verständnis heraus sind Ethnie und Religion kaum zu trennen, sodass die Metapher von der Weitung des Volk Gottes, so wie es das Zweite Vatikanische Konzil macht, nur aus christlicher Perspektive und zwar nur durch Christus selbst verstanden werden kann.

Das schafft für den theologischen Dialog mit dem Judentum enorme Herausforderungen. Das Bekenntnis zu Christus bleibt nämlich der entscheidende Stein des Anstoßes, es birgt aber auch Chancen, das Gemeinsame zu entdecken.

Auf dieser theologischen Linie wird für das Christentum der Blick freigelegt für die gemeinsamen Schöpfungserzählungen, das gemeinsame Zeugnis der Erzeltern (Abraham und Sarah – Isaak und Rebekka – Jakob mit Lea und Rachel) und die Befreiung aus der Knechtschaft durch Mose sowie die Offenbarung Gottes im Dornbusch und am Sinai. Christlich bleiben diese Erzählungen dann durch Christus zugänglich und dürfen aber gleichzeitig nicht nur in messianischer Interpretation gelesen werden. Im christlichen Glauben wird das in der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, bezeugte Handeln Gottes durch Jesus in einer besonderen Weise gedeutet und erfahren. Diese Sicht ist Ausdruck des christlichen Glaubens und nicht als Bewertung des jüdischen Glaubens zu verstehen, der in denselben Schriften Gottes bleibende Gegenwart erkennt. Jesus als der Christus ist Jude und erschließt diese Dimensionen des Heilswirkens Gottes als ein Lehrmeister – Rabbuni, wie er in den Evangelien mitunter genannt wird.

Blickt man in die Evangelien und damit ein stückweit in die Zeit Jesu, so wird gerade diese Rolle Jesu intensiv diskutiert: Einige Jüdinnen und Juden sahen neben der lehrmäßigen Auslegung der Schrift in ihm die Erfüllung der Erwartung eines „neuen Mose“ und den angekündigten Christus (Messias). Das Auftreten Jesu löste damals Spannungen aus. Bis heute können wir Christen diesem unterschiedlichen Verständnis noch nachspüren, wenn wir beispielsweise jüdische Interpretationen des Neuen Testaments heranziehen.7 Jesus war ganz Mensch, ein Jude seiner Epoche, Nachkomme Abrahams und Sohn Davids. Er stand tief in der Tradition Israels, war von dessen Geschichte geprägt und trat als Erbe der Propheten in enger Verbindung mit seinem Volk auf. Aus christlicher Sicht geht seine Bedeutung jedoch weit über diese historische Einbindung hinaus. Im Glauben der Christen ist Jesus zugleich Gott und Mensch und überschreitet mit seinem Gottsein Zeit, Geschichte und alle irdischen Grenzen. Der grundlegende Unterschied zwischen Judentum und Christentum zeigt sich in der Bewertung seiner Person. Aus jüdischer Perspektive kann Jesus als Angehöriger des eigenen Volkes und als bedeutender Lehrer verstanden werden, der sich berufen fühlte, das Kommen des Reiches Gottes zu verkünden. Die Vorstellung jedoch, dass dieses Reich mit Jesus selbst und in seiner göttlichen Autorität bereits angebrochen sei, liegt außerhalb des jüdischen Erwartungshorizonts. Der Konflikt zwischen Jesus und den jüdischen Autoritäten seiner Zeit entzündete sich daher nicht in erster Linie an einzelnen Gesetzesverstößen, sondern an seinem Anspruch, mit göttlicher Vollmacht zu handeln. Diese Trennlinie bleibt deshalb bis heute herausfordernd. Gleichzeitig hielt die Kirche daran fest, Jesus als denjenigen anzusehen, der ihr die hebräische Tradition auslegt. Damit werden wesentliche Elemente der Offenbarung fortgeschrieben, die heutzutage durch das jüdisch-christliche Gespräch und den teils gemeinsamen Schriftbestand fruchtbar gemacht werden.

Schon im 2. Jahrhundert entschied man sich für dieses Offenbarungsverständnis durch die Verurteilung des Markion von Sinope und erklärte es zum Grundverständnis der Offenbarungstheologie der Kirche. Entgegen der Lehre des Markion, der die Kirche und das Christentum von allen jüdischen Einflüssen befreien und vom Glauben des jüdischen Volkes trennen wollte, entschieden die Kirchenväter anders und bekannten sich zum Kanon und der Tradition des Volkes Israel. Nostra Aetate und das gesamte Zweite Vatikanum rekurrieren auf diese Tradition und lesen sie aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts. So erfolgte auf dem jahrhundertealten, aber verschütteten Glauben der Kirche eine Rückbesinnung auf diese Wurzeln.

Den historischen Kontext vor Augen erklärten die Konzilsväter in Nostra Aetate auch eine klare Absage an jedwede Form von Antisemitismus. Die Erklärung stellt fest, dass Juden weder kollektiv noch zeitübergreifend für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden dürfen. Damit distanziert sich die Kirche von theologischen Deutungen, die über Jahrhunderte hinweg zur religiösen Diskriminierung von Juden beigetragen haben. Das Konzil leitete eine neue Epoche ein: Das Verhältnis zum Judentum sollte fortan von Respekt, Dialog und gemeinsamer theologischer Reflexion geprägt sein.

Erfreulicherweise werden diese Bemühungen nach vielen Jahren durch bedeutsame Erklärungen aus der jüdischen Welt wie zum Beispiel in „Zwischen Jerusalem und Rom“ erwidert: „Mit der Zeit zeigte sich, dass die Veränderungen in der Haltung und der Lehre der Kirche nicht nur ernsthaft, sondern auch immer tiefgreifender werden, und dass wir in eine Phase der wachsenden Toleranz, des gegenseitigen Respekts und der Solidarität zwischen den Mitgliedern unserer beiden Glaubensgemeinschaften eintreten.“ 8

Ältere Geschwister…

Im Zuge der neuen theologischen Annäherung wurde häufig das Bild verwendet, Juden seien die „älteren Geschwister“ der Christen. Diese Formulierung – besonders durch Johannes Paul II bekannt geworden – soll die gemeinsame Herkunft aus der biblischen Tradition betonen.

Der Dialog mit dem Judentum ist für Christen etwas ganz besonderes, da das Christentum jüdische Wurzeln aufweist, die die Beziehung zwischen beiden in einzigartiger Weise bestimmen (vgl. Evangelii Gaudium 247). Trotz des in der Geschichte erfolgten Bruchs und des daraus resultierenden schmerzhaften Konflikts, bleibt sich die Kirche der Kontinuität mit Israel bewusst. Das Judentum ist nicht einfach als eine andere Religion zu betrachten; die Juden sind vielmehr die „älteren Brüder“ (Heiliger Papst Johannes Paul II.), die „Väter im Glauben“ (Benedikt XVI.). Jesus war Jude, in der jüdischen Tradition seiner Zeit beheimatet und entscheidend geprägt von diesem religiösen Umfeld (vgl. Ecclesia in Medio Oriente Nr. 20). Seine ersten Jünger, die er um sich sammelte, hatten das gleiche Erbe und waren in ihrem Alltag von derselben jüdischen Tradition bestimmt.

Allerdings ist diese Metapher nur bedingt tragfähig. Sie suggeriert eine klare zeitliche Abfolge: zuerst das Judentum, danach das Christentum als spätere Entwicklung. Historisch ist die Entstehung der beiden Religionen jedoch komplexer verlaufen. Viele Historiker und Theologen beschreiben die Beziehung zwischen Judentum und Christentum deshalb treffender mit dem Bild einer „Zwillingsgeburt“. Beide Traditionen sind aus dem vielfältigen Judentum der Antike hervorgegangen und entwickelten sich nach einer gemeinsamen Anfangsphase in unterschiedliche Richtungen.

Ein entscheidender Einschnitt war die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. Mit dem Ende des Tempelkults verlor das priesterlich geprägte Judentum sein religiöses Zentrum. In den folgenden Jahrzehnten formierten sich zwei neue religiöse Gestalten: das rabbinische Judentum, das sich um die Auslegung der Tora und die Synagoge entwickelte, und das Christentum, das die Person Jesu als Messias interpretierte und sich zunehmend auch unter Nichtjuden ausbreitete.

Diese Entwicklung zeigt: Judentum und Christentum sind nicht einfach in einem Verhältnis von „alt“ und „neu“ zu verstehen, sondern entstanden aus derselben historischen Situation heraus als unterschiedliche Antworten auf eine gemeinsame Krise. 9

Die historische Verantwortung des christlichen Antijudaismus

In jüngerer Zeit ist das jüdisch-christliche Gespräch von einer gemeinsamen kritischen Aufarbeitung der eigenen Geschichte geprägt. Äußerungen deutscher Bischöfe bekennen, dass christlicher Antijudaismus zur ideengeschichtlichen Entwicklung des modernen Antisemitismus beigetragen hat. 10

Zwar ist der moderne Antisemitismus der Neuzeit nicht einfach aus der christlichen Tradition abzuleiten, doch kirchliche Predigten, polemische Auslegungen biblischer Texte und stereotype Darstellungen des Judentums haben über Jahrhunderte hinweg ein kulturelles Klima geschaffen, in dem antisemitische Ideologien Resonanz finden konnten. Die Anerkennung dieser historischen Mitverantwortung ist daher ein wesentlicher Bestandteil der theologischen Selbstkritik.

Auch neuere Studien zum christlich-jüdischen Verhältnis betonen, dass jede verantwortliche christliche Theologie entschieden gegen Antijudaismus und Antisemitismus auftreten muss. Judentum und Christentum bleiben historisch und theologisch aufeinander bezogen, auch wenn sie unterschiedliche religiöse Wege gegangen sind.

Perspektiven für eine erneuerte Beziehung

Die theologischen Einsichten des Zweiten Vatikanischen Konzils haben das Verhältnis von Kirche und Judentum dauerhaft verändert. Aus heutiger Sicht erscheint es als Selbstverständlichkeit, dass das Christentum ohne seine jüdischen Wurzeln nicht zu verstehen ist. Ebenso verbreitet sich innerhalb der Kirche – wenn auch quälend langsam – das Bewusstsein, dass der Bund Gottes mit Israel nicht aufgekündigt wurde und dass christliche Theologie jede Form von Antisemitismus entschieden zurückweisen muss.

Die Metapher der „Zwillingsgeburt“ kann dabei helfen, das Verhältnis beider Religionen historisch realistischer zu verstehen: als zwei Wege, die aus einer gemeinsamen Tradition hervorgegangen sind und bis heute miteinander verbunden bleiben.

Der jüdisch-christliche Dialog steht nicht nur für eine historische Aufarbeitung, sondern auch für eine gemeinsame Verantwortung in der Gegenwart – gegen Antisemitismus und für ein vertieftes Verständnis der religiösen Traditionen, die Europa geprägt haben. Damit bekennt sich die Kirche zu ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Sie nimmt die Aufgabe ernst, Motor einer kontinuierlichen Erinnerungskultur zu sein und dafür Sorge zu tragen, dass sich die Erkenntnisse aus der Vergangenheit insbesondere für junge Menschen so erschließen, dass „Auschwitz nie wieder sei“. 11

Rainer Maria Kardinal Woelki hat im Rahmen der Christlich-Jüdischen Gemeinschaftsfeier am 7. März 2026 für das Erzbistum Köln gesagt:
„Wir widersprechen – öffentlich und eindeutig. Wir stärken jüdisches Leben – nicht nur in Worten, sondern durch konkrete Solidarität. Wir suchen die Begegnung – in Schulen, in Gemeinden, im theologischen Gespräch.
Als Erzbistum Köln wollen wir daran mitwirken, Orte zu schaffen, an denen jüdisch-christlicher Dialog selbstverständlich ist: nicht als Ausnahme, sondern als Normalität; nicht als Projekt, sondern als Haltung. „Schulter an Schulter“ heißt aber auch unsere kirchlichen Kontexte als vorpolitische Ressource zu nutzen und die Menschen in unseren Gemeinden zu selbstkritischen Denkerinnen und Denkern zu machen.“ 12

Quellen

1

2

Papst Franziskus, Ansprache an die Delegation des Internationalen jüdischen Komitees für interreligiöse Beziehungen am 24. Juni 2013.

3

Vgl. hierzu Dikasterium zur Förderung der Einheit der Christen: „Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt“ (Röm 11,29), Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von "Nostra aetate" (Nr. 4), 2015, Nr. 15.

4

Ebd.

5

Reflexionen zu theologischen Fragestellungen in den katholisch-jüdischen Beziehungen aus Anlass des 50jährigen Jubiläums von "Nostra aetate" (Nr. 4), Nr.17.

6

7

W. Kraus, M. Tilly, A. Töllner. Das Neue Testament – jüdisch erklärt. Deutsche Bibelgesellschaft, 2021.

8

Zwischen Jerusalem und Rom. Gedanken zu 50 Jahren Nostra Aetate. 2017. S. 9.

9

Wengst, Klaus: Wie das Christentum entstand. Eine Geschichte mit Brüchen im 1. und 2. Jahrhundert. 2021.

10

Ansprache von Bischof Dr. Michael Gerber (Fulda), stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz am 22.10.2023 in Berlin: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_alt/presse_2023/2023-162a-Solidaritaetskundgebung-Berlin-Ansprache-Bi.-Gerber.pdf
NRW-Bischöfe: Jetzt ist die Zeit! 85.Jahrestag der Reichspogromnacht. https://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/ebkportal/seelsorge_und_glaube/kirche_im_dialog/.content/.galleries/downloads/Bischofswort.pdf

11

Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, 88. IN: Ders.: Erziehung zur Mündigkeit, 1971.

12